Die Werkrealschule

Foto: LMZ Baden-Württemberg

Die Hauptschule befindet sich in der Krise. Seit Jahren nimmt die Zahl der Hauptschüler ab. Zwar ist die Schülerzahl in Baden-Württemberg seit 2004 insgesamt kontinuierlich gesunken. Doch während bei anderen Schularten vor allem der demografische Wandel Ursache für den Rückgang ist, gehen bei den Hauptschulen auch prozentual gesehen die Übergangszahlen zurück: Immer weniger Grundschüler gehen auf die Hauptschule.

Grund dafür ist der erhebliche Ansehensverlust der Hauptschule. Immer weniger Eltern wollen ihr Kind auf eine Hauptschule geben. Sie befürchten, dass in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit die Berufsaussichten mit Hauptschulabschluss vergleichs- weise schlecht sind. Dazu kommt die Debatte in den Medien über die Hauptschulen als "Restschule" oder "Problemschule". In der öffentlichen Wahrnehmung ist die Hauptschule somit ins Abseits geraten.

In Baden-Württemberg hat die Zahl der Hauptschüler in den Jahren 2002 bis 2009 um 43.000 abgenommen und wird wohl auch weiter sinken. Im Schuljahr 2010/2011 wechselten landesweit 24,3 Prozent der 105.000 Viertklässler auf eine Haupt- oder Werkrealschule, im Schuljahr 2008/2009 waren es noch 25,1 Prozent gewesen. Die Übergangsquote auf die Gymnasien stieg auf 40,7 Prozent an, die Realschulen liegen mit 33,9 Prozent auf dem Vorjahresniveau.

Betrachtet man die Regionen, fallen gravierende Unterschiede auf. Im akademisch geprägten Heidelberg wurde die Grundschulempfehlung "Werkrealschule/Hauptschule" nur für 15 Prozent der Viertklässler ausgesprochen, in Heilbronn erhielten 33,5 Prozent diese Empfehlung. Die Empfehlung "Gymnasium" erhielten in Heilbronn 38,8 Prozent, in Heidelberg 62,5 Prozent.

Die tatsächliche Übergangsquote auf eine Haupt- oder Werkrealschule streut im Südwesten zwischen 11,9 Prozent im Stadtkreis Heidelberg und 31,8 Prozent im Landkreis Waldshut.

Gravierende Unterschiede bei den Übergangsquoten zeigen sich auch bei den deutschen Schülern und den Schülern mit Migrationshintergrund. Während nur 21 Prozent der deutschen Viertklässler auf eine Werkrealschule oder Hauptschule wechselten, waren es bei Kindern mit Migrationshintergrund 49 Prozent.

Übergang von Grundschulen auf weiterführende Schulen
Quelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg. Monatsheft 3/2010

Der Rückgang an Hauptschülern ist kein Problem, das sich auf Baden-Württemberg beschränkt. Fast alle alten Bundesländer suchen zurzeit nach Lösungen. In den neuen Bundesländern und dem Saarland gibt es bereits keine eigenständige Hauptschule mehr. In den meisten Fällen wurde sie mit der Realschule zu einer eigenen Schulform zusammengelegt, an der man sowohl einen Haupt- als auch einen Realschulabschluss erwerben kann. Ähnliches planen auch Bremen, Hamburg, Berlin, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein.

Die baden-württembergische Landesregierung will stattdessen, wie auch die Regierungen Bayerns, Nordrhein-Westfalens, Niedersachsens und Hessens, an der Hauptschule als eigenständige Schulform und damit am dreigliedrigen Schulsystem festhalten. Als Lösung hat die Landesregierung das Konzept der Werkrealschule entwickelt, das Hauptschülern den Weg zur Mittleren Reife erleichtern und somit auch die Hauptschule wieder aufwerten soll.

Schülervorausrechnung für Baden-Württemberg

Voraussichtliche Entwicklung der Schülerzahlen in Baden-Württemberg
Quelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg. Statistik Aktuell 8/2010

Das Konzept der Werkrealschule

Mit Beginn des Schuljahres 2010/11 wurde in Baden-Württemberg die Werkrealschule in neuer Form eingeführt. Die Werkrealschule besteht neben der herkömmlichen Hauptschule und kann von Kindern mit Hauptschulempfehlung besucht werden. Angelegt ist sie als durchgängiger sechsjähriger Bildungsgang, der zur Mittleren Reife führen soll. Daneben besteht aber auch die Möglichkeit nach der 9. Klasse den Hauptschulabschluss zu machen.

Ab Klasse 8 können die Schülerinnen und Schüler zwischen drei Pflichtfächern wählen: Natur und Technik, Wirtschaft und Informationstechnik, Gesundheit und Soziales. In Klasse 10 besuchen die Werkrealschüler an zwei Tagen in der Woche eine Berufsfachschule, um eine berufliche Grundbildung zu erhalten. Allerdings darf die 10. Klasse nur von Schülern besucht werden, die die 9. Klasse mit einem Notenschnitt von 3,0 in Deutsch, Mathematik und Englisch sowie in ihrem Wahlpflichtfach abgeschlossen haben.

Der Werkrealschulabschluss soll gleichwertig zum Realschulabschluss sein. Für den Wechsel aufs berufliche Gymnasium ist jeweils ein Notendurchschnitt von 3,0 notwendig. Für das Berufskolleg soll es keine Notenschwelle geben. Damit ein Wechsel zwischen Hauptschule und Werkrealschule jederzeit möglich ist, haben beide Schulen den gleichen Bildungsplan.

Mit 525 Werkrealschulstandorten startete Baden-Württemberg ins Schuljahr 2010/11. Weitere 31 Standorte werden im nächsten Schuljahr hinzukommen. Die verbleibenden Hauptschulen sollen die Möglichkeit haben, eng mit den Werkrealschulen zusammenzuarbeiten. Einzügige Hauptschulen dürfen nämlich keinen Antrag auf Einrichtung einer Werkrealschule stellen. Allerdings können sie sich zusammenschließen und die verschiedenen Klassenstufen auf mehrere Standorte verteilen.   So soll das Konzept der Werkrealschulen flächendeckend umgesetzt werden.

Ob so der Schülerrückgang an den Hauptschulen abgefedert werden kann, ist noch unklar. Genaue Zahlen wird es erst mit der amtlichen Schulstatistik Anfang des kommenden Jahres geben. Stichproben des Kultusministeriums an 27 Schulen ergaben allerdings, dass die Anmeldezahlen praktisch unverändert geblieben sind. Mit einem Verweis auf den demografischen Rückgang der Schülerzahlen verbucht das Kultusministerium dieses Ergebnis als Erfolg für den neuen Bildungsgang.

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Positionen der Parteien

Die Landesregierung (CDU, FDP/DVP) 

Die Landesregierung sieht in den neuen Werkrealschulen eine wichtige Neuerung im Bildungswesen. "Dieser neue sechsjährige Bildungsgang ist die richtige Antwort auf die veränderten Anforderungen von Wirtschaft und Gesellschaft", so Kultusministerin Marion Schick (CDU). Gerade die Kombination aus individueller Förderung und konsequenter Berufsorientierung stärke die Ausbildungsreife und sichere damit den Übergang in Ausbildung und Beruf. Am dreigliedrigen Schulsystem wollen CDU und FDP festhalten. Die Liberalen wollen allerdings den einzelnen Schulen mehr Autonomie gewähren. So erklärte die bildungspolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion Brigitte Arnold, dass auch eine sechsjährige Grundschulzeit denkbar wäre, wenn Eltern, Lehrer und Gemeindevertreter sich darauf einigen würden. Vor allem sollen Schulen aber mehr Freiheiten bei Personal, Finanzen und der pädagogischen Ausrichtung haben. So sollen die Schulen mehr Lehrer aufgrund von schulbezogenen Ausschreibungen einstellen. Bisher liegt der Durchschnitt bei 60 Prozent der neu eingestellten Lehrer, bei Grund-, Haupt- und Realschullehrern sogar nur bei 41 Prozent. Langfristiges Ziel der FDP ist die Übertragung der Personalhoheit an die Schulen, wenn möglich auch die der Budgethoheit, auch wenn dies gravierende Veränderungen in der Schulversorgung nach sich zöge.

CDU: Die neue Werkrealschule: Passgenaue Basis für eine gute berufliche Zukunft (PDF)   
FVD/DVP: Neue Werksrealschule kann Erfolgsmodell werden (PDF) (PDF)

  Die Opposition (SPD, Bündnis 90/Die GRÜNEN)

Die SPD und die GRÜNEN lehnen die neue Schulform ab und werfen der Landesregierung vor, durch die Einführung der Werkrealschule die Schließung von vielen kleinen Hauptschulen zu lancieren. Da im Normalfall nur mehrzügige Hauptschulen Werkrealschulen werden können, seien kleine Schulstandorte dazu gezwungen, sich zu leistungsfähigeren Schulstandorten zusammenzuschließen. Das bedrohe längerfristig die Existenz der 756 einzügigen Hauptschulstandorte im Land, besonders die in ländlichen Gebieten. Das bisherige Konzept der wohnortnahen Hauptschule werde mit der Werkrealschule stillschweigend unter den Tisch fallen gelassen. Auch löse die Werkrealschule die eigentlichen Probleme der Hauptschule nicht, so die Opposition. Der Schülerrückgang werde sich auch bei der Werkrealschule fortsetzten. Am Ansehen der Hauptschule werde sich durch die Werkrealschule nicht ändern. Der SPD Bildungsexperte Norbert Zeller betont, dass viele Eltern auch von der Werkrealschule keine besseren Bildungschancen für ihre Kinder erwarteten. "Die Eltern legen nach wie vor großen Wert darauf, ihr Kind an eine echte Realschule zu schicken", so Zeller. Schließlich sei die Grundschulempfehlung für Werkrealschule und Hauptschule die gleiche. Die Werkrealschule werde also das hundertfache Schulsterben nicht verhindern.

SPD
Die SPD verweist außerdem auf die höheren Beförderungskosten hin, die auf die Eltern zu kommen. Etwa ein Viertel der zum Schuljahr 2010/11 genehmigten 525 neuen Werkrealschulen ist auf mehrere Standorte verteilt, teils sogar in mehreren Kreisen. Das führe bei vielen Schülern zu längeren Schulwegen, weshalb die Beförderungskosten für die Eltern deutlich steigen werden.

SPD: Landesregierung startet Werkrealschule ins Blaue hinein 

Bündnis 90/Die GRÜNEN
Die GRÜNEN kritisieren an der Aufteilung der Schulstandorte die Gefahr, dass die Schüler keine stabilen sozialen und schulischen Verhältnisse mehr haben. In der 10. Klasse komme dann durch die Berufsfachschule noch ein weiterer Standort dazu, was zu einer starken Fragmentierung der Lernzeit führen werde. Außerdem werde den Schülern durch den hohen berufspraktischen Anteil des Unterrichts die Zeit für Basiskompetenzen Deutsch und Mathematik fehlen. Schülerinnen und Schülern anderer Schularten würden solche gravierenden Veränderungen innerhalb eines Bildungsgangs nicht zugemutet. Auch der geplanten NC nach der 9. Klasse von 3,0 benachteilige die Werkrealschüler. In jeder anderen Schulform habe ein Schüler, der eine Versetzung in die 10. Klasse erhalte, auch den Anspruch auf Aufnahme in diese Klasse. Die GRÜNEN schlagen anstatt des NC vor, Schülerinnen und Schüler, bei denen zu befürchten steht, dass sie den Werkrealschulabschluss nicht schaffen, die Möglichkeit zu bieten, am Ende der 10. Klasse ihren Hauptschulabschluss machen. So hätten diese noch ein zusätzliches Lernjahr, um einen guten Abschluss zu erhalten. Die GRÜNEN beanstanden auch, dass die Werkrealschule nichts an der sozialen Auslese im Bildungswesen ändern würde. Die Grundschulempfehlung bleibe weiterhin dreigeteilt in Werkrealschule/Hauptschule, Realschule und Gymnasium, wodurch die hierarchische Gliederung des Bildungswesens erhalten bleibe. So werde auch die Werkrealschule vorwiegend von Kindern aus sozial benachteiligten bildungsfernen Elternhäusern und Migrantenkindern besucht werden.

GRÜNEN: Position zur Werksrealschule 

Beide Parteien ziehen als Fazit, dass das Konzept der Werkrealschule an den grundlegenden Problemen des dreigliedrigen Schulsystems nichts ändern kann. SPD und GRÜNE sprechen sich stattdessen für die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems aus. Die Schüler sollen künftig länger gemeinsam lernen. Die SPD will eine zehnjährige Gemeinschaftsschule für alle einführen mit dem Regelabschluss Mittlere Reife. So würden sich die beruflichen Perspektiven der Schüler deutlich verbessern. Wenn gewünscht, könne auch ein gymnasiales Angebot integriert werden. Die Gemeinschaftsschule soll als Ganztagsschule angeboten werden, wodurch ist eine bessere individuelle Förderung möglich sei. Außerdem solle die Grundschulempfehlung abgeschafft werden. Auch die GRÜNEN wollen die Grundschulempfehlung abschaffen und eine zehnjährige Basisschule für alle Kinder überall dort einführen, wo die Schulträger und die Eltern vor Ort es wollen.

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